Sashiko - der meditative Stich - Foto von Sofía Nuñez
Wer erinnert sich nicht eventuell mit Grauen zurück an die Zeit der strengen Handarbeitsstunden in der Schule? Da wurde jeder schiefe Stich mit einem tadelnden Blick bestraft und der kleinste Fehler im Gewebe galt als absolute Katastrophe. Wir haben gelernt, dass Kleidung makellos sein muss. Ein Riss in der Hose war ein Todesurteil für das Kleidungsstück oder zumindest ein Grund für einen unsichtbaren, mühsamen Flickversuch. Doch atmen Sie tief durch und entspannen Sie sich. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei.
In der Welt des Nähens und Schneiderns vollzieht sich gerade eine wunderbare, fast schon rebellische Revolution. Wir nennen sie Visible Mending oder auf gut Deutsch das sichtbare Ausbessern. Es geht nicht mehr darum, Fehler zu verstecken. Es geht darum, sie zu feiern. Ein Loch im Pullover ist kein Mangel mehr, sondern eine Einladung zur Kreativität. Es ist eine leere Leinwand, die nur darauf wartet, gestaltet zu werden. Dieser Trend zur offensichtlichen Reparatur ist mehr als nur eine Modeerscheinung. Er ist ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft und eine Liebeserklärung an die Langlebigkeit.
Die Philosophie des Wabi-Sabi im Kleiderschrank
Dabei stehen uns Nähbegeisterten heute Werkzeuge zur Verfügung, von denen unsere Großmütter nur träumen konnten. Wir müssen nicht mehr mühsam Stopfgarn in der exakt gleichen Farbe suchen, das man am Ende doch sieht. Wir nutzen bunte Garne, wir nutzen Stoffreste für Applikationen und wir nutzen hochwertige Patches, um aus einem Malheur ein Designerstück zu machen. Diese kleinen textilen Helfer sind extrem vielseitig einsetzbar und verwandeln eine langweilige Jeansjacke oder einen Rucksack mit Riss in Sekundenschnelle in ein individuelles Unikat. Wer hätte gedacht, dass die Rettung der Lieblingskleidung einmal so viel Spaß machen würde? Die Nähmaschine wird hierbei vom reinen Arbeitsgerät zum Zauberstab, der Makel in Kunst verwandelt.
Dieser Trend hat tiefe Wurzeln, die weit über den aktuellen Do It Yourself Hype hinausgehen. Eigentlich bedienen wir uns hier einer alten japanischen Philosophie namens Wabi-Sabi. Diese Denkweise lehrt uns, die Schönheit im Unvollkommenen, im Vergänglichen und im Unvollständigen zu sehen. Auf unsere Nähprojekte übertragen bedeutet das eine völlige Befreiung vom Druck der Perfektion.
Wenn die Naht mal nicht schnurgerade ist, dann ist das eben so. Das ist Handarbeit. Das hat Charakter. Wenn der Stoff an den Ellenbogen dünn wird, ist das kein Zeichen von Armut, sondern ein Beweis dafür, dass dieses Kleidungsstück geliebt und gelebt wurde. In der Community auf naehen-schneidern.de sehen wir immer öfter Projekte, bei denen diese Spuren des Lebens bewusst hervorgehoben werden.
Es ist eine Gegenbewegung zur Fast Fashion, bei der Kleidung so billig ist, dass sich das Waschen kaum lohnt. Wir Schneider wissen, wie viel Arbeit in einem gut sitzenden Hemd steckt. Wir kennen den Wert einer französischen Naht und die Tücke eines Reißverschlusses. Deshalb werfen wir nicht weg. Wir reparieren. Und wir tun das mit Stolz. Diese neue Wertschätzung für das Material ist ansteckend. Wer einmal angefangen hat, seine Kleidung kreativ zu retten, sieht plötzlich in jedem Fleck Potenzial für eine Stickerei und in jedem Riss den perfekten Platz für einen bunten Flicken.
Vom Notfallplan zum Fashion-Statement
Interessanterweise hat dieser Trend den Sprung von der heimischen Nähstube auf die großen Laufstege dieser Welt geschafft. Große Designer imitieren mittlerweile den Look, den wir Hobbyschneider schon lange praktizieren. Zerrissene Jeans, die mit bunten Stoffen hinterlegt sind, oder Jacken, die über und über mit Aufnähern bedeckt sind, kosten in den Boutiquen ein kleines Vermögen.
Das Gute ist: Wir können das besser und vor allem authentischer. Wir müssen keine künstlich gealterte Kleidung kaufen. Wir erschaffen sie selbst. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Die Individualisierung ist der Schlüssel. Ein gekaufter Pullover ist Stangenware. Aber ein Pullover, den man selbst mit einem einzigartigen, gewebten Abzeichen veredelt hat, gibt es so nur ein einziges Mal auf der Welt. Es ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Ob man nun humorvolle Sprüche, grafische Muster oder klassische Motive wählt, ist dabei völlig egal. Wichtig ist nur, dass es gefällt. Die Näh-Community entdeckt gerade auch die Freude am Mixen von Techniken wieder. Da wird gestrickt, gehäkelt und genäht, alles an einem Stück. Ein Loch in der Jeans wird vielleicht erst gestopft und dann noch mit einem Patch teilweise überdeckt, um einen 3D-Effekt zu erzielen. Das ist Mixed Media Kunst am eigenen Körper.
Sashiko und der meditative Stich
Eine Technik, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht und die jeder Näh-Fan einmal ausprobiert haben sollte, ist Sashiko. Ursprünglich stammt diese Sticktechnik aus Japan und diente dazu, Stoffe zu verstärken oder mehrere Lagen übereinander zu nähen, um wärmere Kleidung zu erhalten.
Heute nutzen wir Sashiko vor allem wegen seiner Ästhetik. Mit einfachen Vorstichen und meist weißem Garn auf indigoblauem Stoff entstehen geometrische Muster, die unglaublich beruhigend wirken. Sowohl beim Anschauen als auch beim Machen. Es ist fast wie Meditation mit der Nadel.
Vielleicht ist das Schönste an dieser neuen Welle der Kreativität aber der soziale Aspekt. Nähen galt lange als eine eher einsame Tätigkeit. Man saß allein im Kämmerlein, umgeben von Stoffballen und Schnittmustern.
Diese Vielfalt ist inspirierend. Es gibt mittlerweile sogar Repair Cafés und Näh-Treffs, bei denen man sich trifft, um gemeinsam Kleidung zu retten. Das schafft Gemeinschaft und man lernt nie aus. Der Austausch von Tipps und Tricks, etwa wie man einen Patch so aufnäht, dass er auch die Waschmaschine überlebt, oder welches Vlies man am besten zum Verstärken nimmt, ist Gold wert.